Frühling 2008 im Northwood

Aus Northwoodcycling

Inhaltsverzeichnis

[bearbeiten] Tagebuch eines Trainingslagers

Eine von mir seit Jahren gepflegte Tradition ist es, im März unserem heimischen Winter Ade zu sagen und unter südeuropischer Sonne das Frühjahr und die "Radsaison" einzuläuten. Dieses Jahr war alles anders. Als 2 Radfahrkumpels Anfang des Jahres mich fragten, ob wir zusammen wieder in den Süden pilgern, befand ich mich zu dieser Zeit leider in einem klitzekleinen mentalen Loch und konnte mich nicht dazu durchringen. Als ich es mir wieder vorstellen konnte, war der Zug leider schon abgefahren. Sprich: Flug und Hotel wären bei später Buchung einfach zu teuer geworden. Macht nix, sagte ich mir, Frühling zuhause kann auch mal ganz nett sein und sah mich schon die Riesentouren im Nordschwarzwald, Elsass und in den Vogesen fahren. Letztlich kam es dann aber doch anders, wie dieser kleine Bericht zeigen soll. Wer sich nicht für die Leiden des jungen Racing fool interessiert, dem kann ich zumindest im folgenden 6 neue, durchaus nachfahrenswerte Touren anbieten!

[bearbeiten] Tag 1 (Karfreitag, 21.03)

Bei Sonnenschein und 15°C in der Rheinebene ein lockere Runde drehen - das war der Plan. Die etwas andere Realität präsentiert sich mir beim Öffnen der Jalousie in Form einer 10cm dicken Schneedecke auf dem Dachfenster. So viel also dazu! Ok, wird bestimmt noch besser - nur nicht die Flinte ins Korn werfen. Bis zum Abend habe ich dann die Flinte doch ins Korn geworfen, dabei hätte ich sie wunderbar gebrauchen können, nämlich um mich zu erschießen: Dauerregen - Dauerschneefall und kein Ende in Sicht. Der Wetterbericht lässt für die nächsten Tage auch keine Hoffnung keimen. Aus Frust gehe ich dann noch 1.5h Laufen

Fazit: Wenigstens lassen sich nach dem Laufen wieder ein paar Glückshormone im Blut nachweisen

[bearbeiten] Tag 2 (Samstag, 22.03)

Beim Hochziehen der Jalousie ein Deja-Vu: ich blicke auf eine undurchsichtige weiße Fläche. Entschlossen, nicht schon wieder einen Tag in Selbstmitleid zu verbringen, setzen Linda und ich Cooks Motto: "Du kannst die Natur nicht ändern - also mach das beste draus" in die Tat um. Skating-Ski wachsen und nix wie ab zu den Freudenstädtern (um Missverständnisse zu vermeiden: mit dem Auto natürlich!) Unterwegs wird es plötzlich rabenschwarze Nacht: Heftigster Schneefall auf der B294 - ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal in unserer Nähe so viel Schnee gesehen habe. In FDS sind am Straßenrand abgestellte Fahrzeuge unter den Schneehaufen nicht mehr auszumachen. Premiere: Die ganze Familie Koch kommt mit auf die Loipe Mein Stimmungsbarometer nähert sich schlagartig wieder dem grünen Bereich. Axel zeigt Linda und mir die große Runde (Kniebis Spur). Ein Riesenspaß obwohl sehr anstrengend. Nach der sportlichen Betätigung gibt es ein weiteres Mal zünftiges Après-Ski im gemütlichen Zuhause von Axel und Yvo. Ich hoffe, dass ich mich mal irgendwann für die unzähligen Hefezopfscheiben mit selbstgemachter Orangen-Ingwer-Marmelade kulinarisch bei Yvo revanchieren kann. Bis spät in die Nacht hinein philosphieren wir über die Welt, das Leben und den Sport.

Fazit: Ich bin bisher jedes Mal mit extremst guter Laune aus FDS zurückgekehrt und heute war es auch nicht anders!

[bearbeiten] Tag 3 (Sonntag 23.03)

  • Rad: Krabo
  • Strecke: 63km (undokumentierte und dokumentationsunwürdige Runde in der Rheinebene)

Es schneit nicht mehr. YES! Also gleich auf den Sattel und die eigentlich für den Tag 1 geplante Runde absolviert. Am Ostersonntag ist Familienprogramm angesagt - das nutzbare Zeitfenster geht bis kurz vor das Mittagessen. Die Straßen sind noch patschnass - deswegen bekommt heute das schutzblechbestückte Krabo Auslauf. Komisch, immer wenn ich auf dem Bock - Verzeihung Rad sitze, habe ich schlechte Laune. Liegt wohl daran, dass immer, wenn ich auf dem Bock - Verzeihung Rad sitze, das Wetter zum Davonlaufen ist. Meine Gedanken gehen zu den Vereinkollegen, die zum selben Zeitpunkt unter strahlendblauem spanischen Himmel dahinrollen. Von "Rollen" kann bei mir keine Rede sein - ein eisiger stürmischer Wind bläst mir entgegen. Ich hake das Training heute als Pflichtprogramm ab - eine Aufwärmrunde für die nächsten hoffentlich besseren Tage.

Fazit: Hin und her gerissen zwischen Hoffnung auf bessere Tage und Zweifel, ob ich nicht doch noch kurzfristig einfach nach Spanien runterfliegen soll.

[bearbeiten] Tag 4 (Montag 24.03)

  • Rad: Kinesis
  • Strecke: 117km (undokumentiert, da keine Rundstrecke und damit für die meisten wohl uninteressant)

Strahlendblauer Himmel - das ist schon mal eine 100% Steigerung gegenüber gestern - allerdings zeigt das Thermometer gerade mal 3°C an. Mein Zeitfenster ist wegen familiärer Verpflichtungen erneut beschränkt. Wie immer fühlt sich der Umstieg vom bleischweren Krabo auf das deutlich leichtere Kinesis an, als hätte man einen Hauch von Nichts unter dem Sattel. Gar nicht auszudenken, was beim Umstieg auf das Pavo passiert wäre :-) Dementsprechend läuft es heute auch gleich von Anfang an viel besser als gestern, auch wenn die Kälte sehr unangenehm ist (eigentlich war ich davon ausgegangen, Ende März auf meine Gesichtsmaske verzichten zu können) Unterwegs muss ich feststellen, dass in der Rheinebene ein extremer Wind aufkommt - allerdings noch! als Rückenwind. Da ich überhaupt keine Lust habe, 2h gegen den Wind wieder heimfahren zu müssen, ändere ich kurzfristig meine Planungen. Ich rufe Linda an und teile ihr mit, dass ich die Strecke nach Heppenheim (zur ihrer Oma) mit dem Rad fahren werden. Das machen wir mehrmals im Jahr (Linda und meine Klamotten im Auto - ich mit dem Rad), aber heute die Entscheidung sehr spontan. Eine sehr weise Entscheidung, wie sich herausstellt: Ich kann 4h lang Rückenwind und Sonnenschein genießen, während sich hinter mir im Süden schon wieder die ersten Schneeschauer zusammenbrauen. Die Bedingungen sind so ideal, dass ich meinen Streckenrekord nur knapp verfehle - klar, unter olympischen Gesichtspunkten wäre er irregulär gewesen, aber das interessiert mich heute überhaupt nicht. Maximal zufrieden fülle ich nachmittags meine Energiespeicher wieder mit Unmengen an Kuchen auf ...

Fazit: Ein mentaler Durchbruch. Endlich stellt sich wieder das Gefühl ein, dass "es" auch rund laufen kann

[bearbeiten] Tag 5 (Dienstag 25.03)

Eigentlich wollte ich mein Trainingslager in 3er Blöcken absolvieren. Aber dieses Mal diktiert wohl die Natur den genauen Ablauf. Ich lege einen Ruhetag ein, weil die Freunde vom Wetterdienst für die nächsten Tage Besserung versprechen

[bearbeiten] Tag 6 (Mittwoch 26.03)

So jetzt wird es ernst. Das Wetter passt einigermaßen, d.h. ich kann zum ersten Mal eine Strecke nach Plan fahren. Ich versuche seit einiger Zeit, bei solchen Anlässen neue Strecken zu testen, damit es nicht zu langweilig ist. Heute ist der Kraichgau angesagt. Ein Gebiet das ich jahrelang sträflich vernachlässigt, aber letzten Herbst wiederentdeckt habe. Das Wetter ist während der Tour recht anständig, d.h. ich bleibe trocken und der Wind ist auch noch erträglich. Der Kraichgau hält was er verspricht - überall entdecke ich seitlich neue Wege und Nebenstraßen und bin damit beschäftigt, am GPS Gerät immer gleich entsprechend Wegpunkte zu setzen, damit ich mir daheim das Ganze in GoogleEarth für die Planung weiterer Touren noch einmal anschauen kann. Auf einer Euphoriewelle reitend bekomme ich nachmittags plötzlich die glorreiche Idee, abends zusammen mit Linda noch einmal auf den Kniebis hochzufahren. Sozusagen als offizielle Verabschiedung der Skating Saison. Fast 1 1/2 Stunden lang drehen wir dort unsere Runden in einer ganz anderen Welt: Im Schein der Flutlichts fällt klitzernd feiner Schnee auf eine fast schon surreale Winterzauberlandschaft herab. Wirklich irre - mein Gehirn leidet beinahe an Reizüberflutung, heute gab es einfach zu viele verschiedene Eindrücke.

Fazit: Ja, so könnte es jetzt eigentlich weitergehen.

[bearbeiten] Tag 7 (Donnerstag 27.03)

Keine Ahnung, was mich geritten hat, eine komplett flache Etappe einzubauen. Vielleicht die Angst, dass das noch anstehende Programm doch zu hart werden könnte? Andererseits habe ich manchmal auch Phasen, in denen mich das Herumrollen in der Ebene begeistert. Voraussetzung hierfür ist, dass man auch wirklich ROLLEN kann, was wiederum optimale Windverhältnisse erfordert. Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen - die Bäume vor dem Fenster biegen sich ganz schön unter dem starken Wind. Eine alte Radtourenfahrer-Weisheit besagt, dass es sinnvoll ist, eine Tour auf der ersten Hälfte gegen den Wind zu fahren und darauf zu hoffen, dass man in der 2.Hälfte vom Rückenwind heimgetragen wird. Deswegen mache ich mich heute Richtung Süden auf. Angestrebtes Ziel ist es, auf dem Rückweg den Radweg in den Rheinauen von Seltz bis nach Wörth zu testen (sonst fahre ich immer über das welligere elsässische Hinterland zurück). Der Wind ist sehr grenzwertig. Glücklicherweise habe ich auf meinem Polar Computer seit Ewigkeiten schon die Momentangeschwindigkeit weggeblendet, so muss ich das Elend nicht sehen. Gefühlt bin ich gerade mal mit Jogging-Tempo unterwegs. Irgendwann, nach endlosen Stunden kommt dann aber die Rheinbrücke in Sicht und mit ihr die Aussicht auf Rückenwind. Ups, heute wird mir bewusst, dass ich hier ja immer eine Staatsgrenze passiere: Der Bundesgrenzschutz kontrolliert Ausreisende aus Frankreich. Wenn mir das bei der Wiedereinreise nach Deutschland auch passiert, habe ich ein Problem: Einzig mitgeführtes "offizielles" Dokument ist meine alte BDR.Rennlizenz - ich glaube kaum, dass das Anerkennung finden würde. Um es vorweg zu nehmen: ich habe Glück und werde nicht kontrolliert (für die Zukunft werde ich aber an meinen Personalausweis denken!) Bei der Überquerung des Rhein fühle ich plötzlich, wie es mir den Boden unter den Reifen wegzieht: DER WIND HAT GEDREHT! Ich fasse es nicht. Das ist mir auf Runden in dieser Ecke schon öfters passiert. Ich habe da so eine Verschwörungstheorie: In dem alten (scheinbar verlassenen) Zollgebäude an der Rheinbrücke sitzen 2 gelangweilte Franzosen, deren einzige Freude es ist, arme Rennradfahrer zu ärgern: "Schau mal Francois, da kommt wieder der komische Deutsche auf seinem Rennrad - Du kannst den Hebel umlegen" KLACK und durch irgendwelche ausgefuchsten Mechanismen ändern sie so die Richtung der Luftströmungen. Ich bin auch nicht wirklich sicher, ob es sich bei dem großen Windrad in der Nähe der Karlsruher Rheinbrücke wirklich um eine Anlage zur Gewinnung von Energie aus Wind ist (und nicht umgekehrt) Was hilft's? Die Rheinbrücke bei Wintersdorf ist der Wendepunkt und ich muss jetzt eben mindestens noch einmal so viele Kilometer gegen den Wind fahren. Da der Rheinauenradweg teilweise hinter Bäumen verläuft, wird es nicht ganz so schlimm wie befürchtet und die Tour endet in keinem konditionellen Fiasko. Dafür regnet es auf den letzten 30km ununterbrochen (aber deswegen hatte ich ja extra das Krabo gesattelt)

Fazit: Ein rabenschwarzer Tag. Flachetappen im Trainingslager sind komplett unnötig - zudem sind Flachetappen bei Gegenwind keine wirklichen Flachetappen..Ansonsten wäre die Strecke bei idealen Windverhältnisse eine sehr schöne stimmungsvolle Runde für Rouleure! Die Regel: "Sitze ich auf dem Krabo dann habe ich schlechte Laune", kann erneut nicht widerlegt werden. Ist wohl doch ein Naturgesetz.

[bearbeiten] Tag 8 (Freitag 28.03)

  • Rad: Simplon (Ersteinsatz seit vielen vielen Wochen!)
  • Strecke: 146 km (Tourenbeschreibung, allerdings nur der Kraichgauteil Kraichgaurundfahrt Etappe2 (RR))

Morgens wecken mich die ersten Sonnenstrahlen seit 3 Tagen. Ein ungläubiger Blick aus dem Fenster offenbart einen strahlendblauen Himmel. Der gestrige Tag ist schnell vergessen. (Die Abhängigkeit meiner Endorphinausschüttung von der Sonnenstrahlenintensität scheint sehr ausgeprägt zu sein) Für heute habe ich auch noch VeriGood als "Gastfahrerin" für die ersten 45 km dabei. Yippie! Nachdem ich sie, wie es sich für einen Gentleman gehört, wieder brav nach Hause begleitet habe, starte ich gut gelaunt auf erneute Entdeckungsfahrt in den Kraichgau. Dieses Mal teste ich die vielen kleinen Serpentinenanstiege im Dreieck Sulzfeld - Ochenburg - Häfnerhaslach, dementsprechend chaotisch sieht auch der GPS Track für diese Runde aus :-) Ein weiteres Mal kommt mein Daumen kaum zur Ruhe - er muss ständig Wegpunkte für neue Touren auf dem GPS Gerät setzen. Ich glaube, hier bin ich noch monate- wenn nicht sogar jahrelang mit Testfahrten beschäftigt! Erleichert stelle ich fest, dass sich die 140km Gegenwind von gestern nicht negativ auf die Form ausgewirkt haben - im Gegenteil. Ich muss mich immer wieder einbremsen, damit ich die Anstiege nicht zu übermütig hochbrettere. Heute passt alles!

Fazit: Ein Tag genau nach meinem Geschmack. Die kleinen Sträßchen in und an den Kraichgauwellen begeistern aufs Neue!

[bearbeiten] Tag 9 (Samstag 29.03)

Samstag ist seit bald einem Jahr "Adi-Tag". Die Samstage sind recht selten, an denen er nicht in meinem Basislager auftaucht, um mit mir oder uns eine Runde auf MTB oder RR zu drehen. Die Aussicht, zum ersten Mal seit langem eine komplette Tour mit Begleitung fahren zu können, lässt das Frühstück gleich noch einmal viel besser schmecken. Das Wetter zeigt sich ebenfalls gnädig. Heiter, mehr als 10°C, aber stark windig. Ausnahmsweise wähle ich eine Strecke, die ich ziemlich gut kenne, Adi dafür aber noch nicht: Runter in die Rheinebene und über Ebersteinburg, Loffenau und Rotensol wieder zurück. Zwischen Ettlingen und Kuppenheim bläst uns ein starker Gegenwind fast von den Rädern. Ich bin es ja in der Zwischenzeit schon gewohnt und heute ist mir das sogar relativ egal, Hauptsache ich habe einen Gesprächspartner auf meiner Runde! Adi macht dagegen nicht den Eindruck, dass es ihm so egal ist =:-) Auf dem Rückweg über die nördliche Northwood-Bergwelt sehen wir an den Straßenrändern noch viele hohe Schneehaufen, die unter der Sonneneinstrahlung gerade vor sich hinschmelzen. Die Straßen sind entsprechend klatschnass, und ich bin mit dem wasserscheuen Simplon unterwegs :-( Für einen kurzen Moment denke ich daran, abzusteigen und das Rad über die Wasserlachen zu tragen. Quatsch, was soll's? Irgendwann musste dieser Tag ja kommen! Am Schluss finde es auch nicht mehr so schlimm und mit Wattestäbchen und Poliertuch bringe ich abends meinen eingesifften "Augapfel" gleich wieder auf Hochglanz :-)

Fazit: Dieser Tag hat es wieder deutlich vor Augen geführt: Gemeinsames Radfahren macht doch noch viel mehr Spaß!

[bearbeiten] Tag 10 (Sonntag 30.03)

  • Rad: Cube
  • Strecke: 58 km (Beschreibung lohnt sich nicht)

Ruhetag! Und der erste (und wie sich herausstellt) einzige Tag mit Traumwetter! Keine Wolke am Himmel und kurze-Hosen-verträgliche Temperaturen. Erkenntnis aus den vorherigen Trainingslagers für Ruhetage: Wer rastet, der rostet! Wenn ich am Ruhetag nur die Beine hochlege, gibt es am nächsten Tag ein böses Erwachen auf dem Rad. Also verbinde ich das Nützliche mit dem Angenehmen und mache zusammen mit Marcus, Linda und VeriGood eine gediegene MTB-Tour zum Eis-Pierod nach Ettlingen. Highlight des Tages: Marcus bestellt sich bei der ungläübig staunenden Bedienung einen Becher mit 6! Kugeln Schokoladeneis und einer großen Portion Sahne :-)

Fazit: Eigentlich sollte ich ja mich ja ärgern, dass ausgerechnet am Ruhetag so schönes Wetter ist. Es macht mir aber überhaupt nichts aus. Ich bin einfach nur zufrieden und habe die Hoffnung, dass dieser Tag die wettertechnische Wende einläutet. Meine körperliche Verfassung ist bestens. Trotz allen Widrigkeiten scheine ich genau das richtige Maß für die Belastung gefunden zu haben. Wenigstens etwas!

[bearbeiten] Einschub - now for something completely different

Ein richtiges Trainingslager hat einen Makro-, einen Mikro- und einen Nanozyklus. Der Makrozyklus ist die Abfolge der einzelnen Trainingsblöcke, der Mikrozyklus der Aufbau eines einzelnen Trainingsblocks. Den Nanozyklus findet man in keinem Trainingslehrbuch - das ist meine Erfindung. Der Nanozyklus definiert bei mir den typischen Ablauf einens einzelnen Trainingstages. Über Jahre hinweg erprobt und immer wieder verfeinert gestaltet sich dieser wie folgt:

REPEAT

Lecker happa happa
Lecker happa happa
  • 7.00 Uhr Aufstehen (klappt bei mir sogar ohne Wecker)
  • Stereoanlage einschalten
  • Mindestens 45 min lang gut Frühstücken. Frühstück ist meine allerliebste Nahrungsaufnahme und wenn ich schon mal Zeit habe, dann zelebriere ich das auch richtig. Bei dem roten Getränk handelt es sich übrigens um Ochsenblut (Hausschlachtung!). Die illegalen Sachen habe ich natürlich nicht mitfotografiert, um keine Scherereien mit der UCI zu bekommen.
  • Kurzer Check des zu benutzenden Gefährts (Nix schlimmer als nach 100km feststellen zu müssen, dass der Reifen durchgescheuert ist und noch 50km Heimweg bevorstehen)
  • TRAINING: fahren,fahren,fahren
  • Bei Rückkehr sofortiger! Besuch der Naschwarenabteilung im Vorratskeller
  • 0,5 l Fanta Lemon trinken (aus Nostalgie - habe ich immer im Trainingslager in Spanien getrunken)
  • Dehnen (ca. 1/4 Stunde lang)
  • 30g Eiweißpampe trinken
  • Duschen
  • Pastaparty
  • Compexen (Programm. "aktive Erholung") auf der Couch und nebenbei ein schönes Filmchen anschauen
  • Nachtisch
  • Tour für nächsten Tag austüfteln
  • Compexen Teil2 (Durchblutungsprogramm)
  • Ins Bett legen, 2 Sätze in einem Buch lesen und sofort einschlafen :-)

UNTIL Trainingslager.Finished

[bearbeiten] Tag 11 (Montag 31.03)

Nix ist's mit wettertechnischer Wende - ein (wenn auch nur kleiner) Rückfall in die vergangene Woche. Immerhin ist es deutlich wärmer und der Wind hat sich praktisch komplett gelegt. An den nächsten 3 Tagen will ich einen sogenannten Bergblock einlegen, d.h. viele Höhenmeter sammeln. Das haben wir mit dem Verein in Spanien ebenfalls so gehandhabt - "never change a running system". Mir ist klar, dass ich wohl keine richtigen Berge fahren kann. Ursprünglich (d.h. vor vielen Wochen, als die Idee zum Trainingslager@home entstanden war) hatte ich davon geträumt, mal in den Vogesen oder im Hochschwarzwald herumturnen zu können. Die Webcams zeigen mir aber, dass auf den Höhen einfach noch zu viel Schnee liegt. Außerdem ist es noch relativ frisch und eine Solo-Abfahrt über 15km bei 5°C ist nicht so sehr der Gesundheit förderlich. Also müssen eben die kleinen "Berge" herhalten. Zum Einstieg benutze ich die Northwood-Querspange über das Würmtal. Eigentlich eine _der_ Radstrecken in unserer Gegend, ich fahre sie aber trotzdem vergleichsweise selten (vielleicht weil die Anreise immer mit einer Stadtdurchquerung von Pforzheim verbunden ist). Man merkt, dass der Wind fehlt - das Würmtal hinauf läuft es perfekt. Kurz vor Merklingen überhole ich einen Mountainbiker. Der sieht die Chance zu einer günstigen Mitfahrgelegenheit und frägt mich, ob er eine Weile im Windschatten "lutschen" darf. Sehr vorbildlich! Natürlich mache ich dem netten Menschen die Freude - schließlicn profitiere ich selbst auch davon. Ab Aidlingen betrete bzw. befahre ich streckentechnisches Neuland. Erstaunlich, was für geniale Gebiete direkt vor meiner Nase liegen und jahrzehntelang von mir ignoriert wurden. Praktisch autofreie Sträßchen schrauben sich in kleinen Serpentinen die Hügel hoch - oben immer wieder tolle Ausblicke auf die Schwäbische Alb und in den Northwood. Hier komme ich bestimmt wieder her. Mein GPS Gerät wird an diesem Tag mit mehr als gespeicherten 20 Ansatzpunkten für neu zu testende Strecken heimkommen. Irgendwann muss ich dann doch leider die Heimreise antreten. Der Plan sieht die Abfahrt ins Nagoldtal vor und dann über Simmersfeld, Enzklösterle - Neuenbürg zurück. Das Nagoldtal kann ziemlich fies sein. Kaum merklich steigt es von Calw bis zur Nagoldtalsperre an - Mein Denkzentrum interpretiert das dann fälschlicherweise als komplett flache Strecke und gibt die Devise aus: "Steig in die Pedale". Dass der Puls die ganze Zeit über eher im oberen Drittel des Grundlagenausdauer-Bereichs liegt, wird als Fehlanzeige abgetan. Bis der erste Berg und dann die Erkenntnis kommt: "oho, Laktat in den Beinen". Egal, das Programm wird durchgezogen. "Berg" ist in diesem Fall der Anstieg von Berneck bis nach Simmersfeld. Geschickterweise handelt es sich hierbei um einen Berg, mit dem ich seit Jahren gute Kontakte pflege (vgl. Tourbericht Northwood Ouverture (RR)). So kann ich mich auch mehr auf die wunderschöne Spätwinterlandschaft konzentrieren als auf das Ziehen in meinen Oberschenkeln. Von Simmersfeld wähle ich dann nicht die B294 als Abfahrt Richtung Heimat (diese Strecke nimmt auf dem Rad einfach kein Ende), sondern "springe" ein Tal weiter und düse das Enztal von Enzklösterle bis nach Neuenbürg vor. Mit Rückenwind habe ich hier den umgekehrten Nagoldtal-Effekt: es geht die ganze Zeit kaum merklich bergab und mit Rückenwind bekommt man ein ordentliches Tempo drauf. Die Denkzentrale stuft diese Erfahrung als "meine Güte, was bist du doch für ein toller Hecht!" ein. Sehr gut fürs Ego, auch wenn es natürlich Betrug ist :-) In Neuenbürg folgt schließlich der letzte Anstieg, der mich vom heimischen Sofa trennt. Erleichtert darf ich feststellen, dass ich meinen Motor auf der Tour nicht überlastet habe - noch willig bringt er meinen fahrbaren Untersatz hoch zur "Passhöhe".

Fazit: Trotz des durchwachsenen Wetters kam stellenweise Spaß auf - Neue Landschaften und Strecken geben einem eben doch ein klein wenig das Gefühl, weiter von zu Hause weg zu sein. Die Formkurve zeigt immer noch nach oben. Und die Erkenntnis des Tages lautet: "Powerade Grapefruit schmeckt nach Kuhmist!"

[bearbeiten] Tag 12 (Dienstag 01.04)

Die Königsetappe. Aus taktischen Gründen wollte / sollte ich diese Tour eigentlich am Anfang des Bergblocks fahren - aber wieder einmal diktiert das Wetter das Programm: Am Montag wäre diese Tour nicht denkbar gewesen. Geplant ist die Befahrung der Schwarzwaldhochstraße von Baden-Baden hoch bis zum Ruhestein. Die Strecke ansich ist eine alte Bekannte, allerdings kenne ich die Runde ausschließlich aus der anderen Fahrtrichtung, d.h. im Uhrzeigersinn. Vor einer Befahrung im Gegenuhrzeigersinn hatte ich bislang ein wenig zu sehr Respekt. Die für die Wettertechnik zuständigen überirdischen Wesen haben Einsehen mit mir und unterstützen mein Vorhaben mit leicht bewölktem Himmel und angenehmen Temperaturen. Am Anstieg zum Käppele überhole ich ein paar Rennradfahrer, die schon in kurzen Klamotten unterwegs sind - es kommen mir Zweifel, ob ich nicht doch zu warm eingepackt bin. Aber jetzt gibt es kein zurück mehr. Im Wald, durch den die "Passstraße" hoch zur Nachtigall verläuft, bricht die Frühlingssonne zwischen den Bäumen hindurch. Ich zwinge mich, meine erhöhte Endorphinausschüttung nicht in die Steigerung der Fahrgeschwindigkeit zu investieren - es warten einfach noch zu viele Berge und will nicht am Ruhestein die Bergrettung in Anspruch nehmen müssen. In Baden-Baden steuere ich noch die letzte Tankstelle vor der Schwarzwaldhochstraße an und decke mich noch einmal mit Powerade Geschmacksrichtung "Kuhmist" ein. Und dann beginnt der 30km lange Anstieg, der mich auf etwas mehr als 1000m ü.NN bringen soll. Es lässt sich sehr angenehm fahren - im sehr windgeschützten Teil bis nach Sand sorgt die Sonne für frühlingshafte Temperaturen. Ich reiße die Windweste und das Langarmtrikot weit auf. Sand ist einfacher erreicht als gedacht, aber der Mittelteil hoch zum Mummelsee zieht sich sehr zäh dahin. Dafür habe ich von dort eine sensationelle Aussicht über die Rheinebene und in die Vogesen. Das ist in meinen Augen der große Vorteil, wenn man die Runde in dieser Richtung befährt. In der Zwischenzeit bin ich doch froh, nicht mit kurzen Klamotten gestartet zu sein: der Schnee am Straßenrand wirkt wie ein Kühlschrank. Am Mummelsee ist dann die eigentliche Passhöhe erreicht, von dort geht es ein paar Kilometer abwärts, bevor kurz vor dem Ruhestein noch ein kleiner Gegenanstieg wartet. Aber alles kein Problem - wenn man nicht überzieht. Die Abfahrt vom Ruhestein nach Mitteltal ist grandios - schön geschwungene Kurven, die Bremshebel müssen vergeblich auf ihren Einsatz warten. Besonders toll: hier riecht es immer fantastisch nach Nadelholz. I love it! In Mitteltal dann eine unangenehme Überraschung: es läuft sehr viel Schmelzwasser über die Straße - unangenehm weil ich ich kein Schutzblech montiert habe und nasse Radklamotten nach der langen Abfahrt nicht unbedingt sehr toll sind. Aber glücklicherweise ist praktisch kein Verkehr unterwegs, so dass ich die volle Straßenbreite nutzen und die Wasserlachen größtenteils umfahren kann. Nach Klosterreichenbach folgt die ultimative Herausforderung dieser Tour: der Anstieg hoch nach Besenfeld. Auf Grund zahlreicher sehr schneller Abfahrten wusste ich, dass das kein Zuckerschlecken werden würde. Dass es jedoch so übel sein könnte, hatte ich mir nicht vorgestellt. Der Berg erscheint endlos, die Steigung ist genau so beschaffen, dass keiner meiner Gänge so richtig darauf passen möchte. Ich kurbele schon mit 39:26 und könnte eigentlich noch einen Zahn leichter gebrauchen. Neben mir quälen sich LKWs den Berg hinauf und nebeln mich mit dicken Rußschwaden ein. Ich fluche wie ein Rohrspatz - nein, mit diesem Berg werde ich wohl nie Freundschaft schließen. Endlich in Besenfeld angekommen mache ich sofort einen Abstecher zu Delikatessen-Esso. Ein Big-Size Snickers entschädigt für die letzten 18 Minuten. Die Reststrecke verläuft unspannend aber dafür entspannend - ich wähle wieder das Enztal für die Heimreise. Dort rollt es eben perfekt und zumindest bis Bad Wildbad könnte man der Meinung sein, dass die Straßen Radfahrern exklusiv zur Verfügung stehen.

Fazit: That's trainingslager! Die Runde ist ein absolutes Highlight - der Quälerei nach Besenfeld könnte man sogar noch etwas Gutes abgewinnen: Mentale Vorbereitung auf überraschend steile Steigungen bei meinen geplanten Erkundungsfahrten im unbekannten Northwood Terrain. Dennoch: in einer noch zu erstellenden "Best-of-Northwood" RR Tour wird dieser Berg höchstens abfahrtstechnisch berücksichtigt werden.

[bearbeiten] Tag 13 (Mittwoch 02.04)

  • Rad: Krabo
  • Strecke: 92km (nicht dokumentationswürdig)

Das Wetter spielt wieder verrückt: es kübelt wie aus Eimern. Am späten Nachmittag nutze ich eine Regenpause und schwinge mich in den Sattel. Richtig rund läuft es nicht. Die Beine sind weniger das Problem als meine Motivation. Ich verkürze die geplante Runde, so dass ich es pünktlich noch ins Vereinstraining schaffe und für die restlichen Kilometer wenigstens noch ein paar Gesprächspartner habe. Beim Fahren in der großen Gruppe geht mein Kreislauf in den Economy-Modus - eine sehr ungewohnte Nicht-Anstrengung. Ganz anders geht es dagegen meinem Gehirn - die begeisterten Erzählungen der Spanien-Rückkehrer belasten es doch sehr stark. So, nach 12 Tagen im Sattel habe ich schlicht und ergreifend keine Lust mehr! Ein Effekt, der sich grundsätzlich auch immer gegen Ende eines Vereinstrainingslagers bei den Teilnehmern einstellt. Eigentlich hätte ich am Ende der Woche noch einmal einen 3er Block einlegen wollen - aber die Wetteraussichten sind einfach wieder zu schlecht. Bei strahlendblauem Himmel und 20°C hätte ich es mir vielleicht noch überlegt. Aber so?

Fazit: Ich habe mir irgendwann vorgenommen, mich nie aufs Rad zu zwingen - aus leidvoller Erfahrung weiß ich, dass das fast immer zu einem körperlichen oder geistigen Knock-Out führt. Deswegen beende ich heute abend mein "Trainingslager"

[bearbeiten] Gesamtfazit

Im Prinzip habe ich "nur" 2 Ansprüche an ein Trainingslager:

  • Steigerung der Form
  • Urlaub/Erholung/Spaß.

Das erste hat sich auf alle Fälle eingestellt. Jetzt, mehrere Wochen nach meinem Trainingslager kann ich das gut beurteilen. Ich bin sehr zufrieden und habe nicht das Gefühl, weniger fit zu sein als nach meinen Aufenthalten in Spanien. Wenn ich bedenke, wie durchwachsen das Wetter war, ist es erstaunlich, wieviele Kilometer doch zusammengekommen sind. Allerdings waren die 14 Tage zu Hause weder Urlaub noch wirklich Spaß auf ganzer Linie. Alleine auf so langen Strecken gegen extrem unwirtliches Wetter ankämpfen zu müssen, kann mental ziemlich zermürbend sein :-/ Was ich nächstes Jahr machen werde, steht für mich jetzt schon fest: Meine beiden langjährigen Trainingslagerkumpels haben mir Fotos von ihrem neuen Trainingsrevier an der Costa Blanca geschickt. Da MUSS ich hin!

P.S. Etwas Positives hatte die ausgedehnte Tourenfahrerei bei uns in der Heimat allerdings doch: ich habe wieder viele Ideen für neue Tourenvarianten im Northwood gesammelt. Schauen wir mal, was ich davon in 2008 umsetzen kann :-)

A big hurrah to my bunch of bikes
A big hurrah to my bunch of bikes

P.P.S. Und noch einen Vorteil gibt es bei einem Trainingslager@home: es steht für jede Wetterlage das passende Rad zur Verfügung . An dieser Stelle ein großes Dankeschön an meine Räder, die mich nie im Stich gelassen haben! Jungs, Ihr seid die Besten :-)

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